Einsamkeit, Gesellschaft und Demokratie: Einstellungen und Teilhabe

Autor: Dr. Janosch Schobin

Abstract

Die These, dass chronische Einsamkeitserfahrungen (Vereinsamung) eine Bedrohung für die Stabilität liberaler Gesellschaftsordnungen darstellen kann, geht auf Hannah Arendt zurück. Diese vermutete in ihrem Standardwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, dass die Verbreitung tiefsitzender Einsamkeitsempfindungen ein Faktor unter anderen war, der der nationalsozialistischen Bewegung den Weg bereitet hatte. Die ‚Arendt’These‘ wurde auf unterschiedliche Weise in der empirischen Sozialforschung aufgegriffen. Besonders im Rahmen der Untersuchung sozialer Anomie (im Sinne der Erfahrung der Regel-, Gesetzes- oder Normlosigkeit), die an die Forschung Theodor Adornos zu autoritären Persönlichkeitseigenschaften anschloss, wurde ein Zusammenhang zwischen Vereinsamung und ethnozentrischen (‚rassistischen‘) Vorurteilen hergestellt. Ebenso kam in den empirischen Anomie-Studien der Nachkriegszeit die These auf, dass Vereinsamungserfahrungen zu einer Abnahme der politischen Partizipationsbereitschaft beitragen. Anfang der 1970er Jahre trat dieser Forschungsstrang jedoch immer mehr in den Hintergrund. Seit Mitte der 2010er Jahren ist jedoch zu beobachten, dass aktuelle Forschungsarbeiten den Zusammenhang zwischen Vereinsamung und der Stabilität demokratischer Ordnung wieder aufgreifen. Aktuelle Studien untersuchen dabei beispielsweise, weshalb Gesellschaften hoher Einsamkeit ein niedriges Institutionenvertrauen aufweisen, weshalb einsame Menschen seltener an Wahlen teilnehmen, oder wie Diskriminierungserfahrungen mit Vereinsamung zusammenhängen. Die vorliegende Expertise fast vor diesem Hintergrund den aktuellen Forschungsstand (und seine vielen Lücken) zusammen und fragt nach dem Anwendungspotenzial der These, dass Vereinsamung die Bindung der Bürger*innen an demokratische Ordnungen untergraben kann.

 

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